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Wenn "Seppli" die Champagner-Flasche entkorkt

Wenn «Seppli» die Champagner-Flasche entkorkt

Ein Artikel zum Wimbledon Final mit Roger Federer in der Basler Zeitung am 7.7.2003

wimbledon_zuschauer_tcob.jpgBasel. Es ist mucksmäuschenstill im Restaurant des Tennisclubs Old Boys. Alle starren konzentriert auf den Fernsehschirm. Plötzlich machts «Plopp!» Die Köpfe drehen sich zur Bar. Dort hat «Seppli» Kacovsky für alle hörbar soeben eine Champagner-Flasche entkorkt. Doch seine Festlaune kommt zu früh, noch führt Roger Federer erst 6:1 im Tie-Break des dritten Satzes, noch fehlt der entscheidende Punkt. «Wenn Roger jetzt noch verliert, bist du schuld», ruft einer aus der Menge. Prompt gehen die nächsten zwei Punkte an Mark Philippoussis. «Siehst du», ruft ein anderer. Doch Kacovsky kennt seinen Roger, er weiss, dass sich Federer diesen ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere nicht mehr nehmen lässt. Er hatte einst als erster Trainer das Vergnügen gehabt, mit dem begabten Jungen zu arbeiten.

Positionskämpfe

Dass sich Kacovsky zu früh mit dem Schaumwein beschäftigt, liegt an der seltsamen Besetzung der Zuschauerreihen. So viele Menschen mit Kameras, Mikrofonen oder Schreibblöcken in der Hand haben sich jedenfalls noch nie zuvor aufs Clubgelände von Federers Stammverein verirrt. Alle sind auf der Suche nach der «besonderen» Rahmengeschichte zum Wimbledon-Sieg. Weil sie dadurch jedoch beinahe einen Viertel aller Anwesenden ausmachen, sollen nun, in den letzten Sekunden des Spiels, die realen Zuschauer möglichst kameragerecht positioniert werden. Kacovsky mit Champagner vor dem Korb mit den Pommes-Chips – so lautet der Wunsch des Schweizer Fernsehens. Aber eben: Wer es nicht gewohnt ist, dem kann schon mal das Malheur unterlaufen, die Flasche zu früh zu öffenen.
Derweil kämpfen die Fotografen im hinteren Teil des Raumes um die beste Ausgangsposition für den Moment des Sieges. Da wird schon mal ein Kollege mit einem energischen Druck auf die Schulter zum Absitzen gebracht, ein anderer zieht sich nach Protestrufen entnervt zurück. Doch das alles spielt bald schon keine Rolle mehr. Beim dritten Matchball klappts endlich: Philippoussis schlägt die gelbe Filzkugel ins Netz. Ein Freudenschrei geht durch den Raum, Roger Federer, dessen Poster die Wände des Restaurants zieren und dessen Autogramm auf den Tischen befestigt ist, hat soeben den wichtigsten Titel im Welttennis gewonnen. Kacovsky wischt sich Freudentränen aus den Augen, während Clubpräsident Niki von Vary spontan beschliesst, dass fortan alle Getränke gratis zu haben sind.
«Das ist ein grossartiger Moment, gerade auch für unseren Club», sagt von Vary, der schon vor dem Spiel siegesgewiss war, «weil Roger der bessere Tennisspieler ist.» Seine Hände zittern noch jetzt, zehn Minuten nach der Pokalübergabe. «Mein Puls war auf 180», erklärt er. Als Zuschauer sei man eben noch nervöser als die Spieler auf dem Platz. Wobei die Endphase der Partie noch verhältnismässig nervenschonend verlaufen war. Jedenfalls verlangte niemand mehr an der Bar nach «einem kleinen Bier und einem Valium», wie noch im Tie-Break des ersten Satzes.

Ein Roger-Federer-Court?

Doch die Emotionen sind auch eine Stunde nach Federers Triumph noch gross. Von Vary weiss, dass er nun ein Problem hat. Ehrenmitglied ist Federer bereits, also muss sich der TC Old Boys etwas Neues einfallen lassen, um den berühmtesten Sohn des Clubs zu ehren. Von Vary nennt die Möglichkeit, bei einer Erweiterung der Anlage einen Platz nach Roger Federer zu benennen. Ein anderer schlägt vor, den angrenzenden St.-Galler-Ring in Roger-Federer-Ring umzutaufen. Vorerst hofft man, dass Federer nach dem Turnier in Gstaad, das diese Woche stattfindet, ein wenig Zeit für einen Besuch bei den Old Boys findet. «Seppli» Kacovsky hat sich dafür bestimmt eine Flasche Champagner aufgespart – Übung im Öffnen hat er ja jetzt. Patrick Künzle

 
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