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Jetzt bin auch ich Teil der Geschichte Wimbledons

Ein Interview mit Roger Federer in der Basler Zeitung vom 7.7.2003

Quelle: Basler Zeitung  «Jetzt bin auch ich Teil der Geschichte Wimbledons»

Obwohl ausgelaugt und «total müde», erklärte Roger Federer nach dem grössten Erfolg seiner bisherigen Karriere im prall gefüllten Interviewraum Wimbledons der wartenden Menge seine starken Gefühle. Er sagte, wie sich der Final aus seiner Sicht entwickelte – und weshalb er sich derart auf das «Champions Dinner» am späten Abend freue.

BaZ: Roger Federer, mit dem Wimbledon-Sieg ist ein Traum Realität geworden. Die Emotionen müssen gewaltig sein.

Roger Federer: Das ist der absolute Höhepunkt. Hier zu gewinnen und weder im Final noch im Halbfinal, in den beiden wichtigsten Partien meiner Karriere, einen Satz abzugeben, ist wie ein Traum. Als ich dann die Trophäe in die Höhe hielt, überkamen mich die Emotionen.

Ähnlich emotional hatten Sie schon in der Vergangenheit reagiert.

In starken Momenten ist dies bei mir einfach so. Im ersten Moment denke ich, ich könne die Tränen zurückhalten. Aber dann weine ich trotzdem los. So ist es mir in Wimbledon schon vor zwei Jahren nach dem Achtelfinal-Sieg gegen Pete Sampras ergangen.

Stichwort Sampras. Nach dem ersten Wimbledon-Sieg vergleichen Sie nun viele mit dem Amerikaner.

Das ist aber nicht richtig. Und ich schätze es überhaupt nicht. Er hat hier siebenmal gewonnen. Ich stehe jetzt bei einem Sieg. Ich bin also noch weit von ihm entfernt. Aber es macht mich sehr glücklich, dass mein Name auf dem Pokal steht und ich Teil der Geschichte Wimbledons bin.

Hatten Sie in den letzten zwei Jahren jemals Zweifel, ob Sie einen Grand-Slam-Titel gewinnen könnten?

Zweifel? Garantien gibt es keine. Ich habe in vielen kleinen Turnieren Selbstvertrauen gesammelt, mich aufgebaut. Ein Lleyton Hewitt hat das auch so gemacht, ehe er dann in New York und Wimbledon die ersten grossen Titel holte. Grand Slams sind einfach etwas Besonderes. Aber Finals sind eine gute Vorbereitung, das sind immer auch grosse Spiele.

Man sagt, Sie sind ein Spieler mit Allround-Qualitäten…

Ich wurde in der Vergangenheit viel darauf angesprochen, bei welchem Grand-Slam ich mir die grössten Chancen ausrechnen würde. Das war nicht immer leicht zu beantworten. Wimbledon ist das Beste, was man gewinnen kann. Ich bin mir bewusst, dass sich jetzt etwas ändern wird. Ich hoffe indes, im Freundes- und Familienkreis bleibt alles wie bisher.

Sie haben gesagt, Sie sehen sich selbst gern spielen…

Das stimmt. Ich liebe meine Technik, auch wenn ich dies vielleicht nicht hätte sagen sollen. Aber es ist so. Ich nehme manchmal eine Kassette mit einem Sieg von mir und schaue mir das an, heute allerdings nicht mehr so oft wie früher.


Den Eintrag auf der Goldenen Tafel von Wimbledon haben Sie sich scheinbar leicht und locker gesichert. Waren Sie sich Ihrer Sache während der Partie immer sicher?

Garantien gibt es nie. Aber nachdem ich das Tie-Break im ersten Satz gewonnen hatte und Philippoussis gleich zu Beginn des zweiten Satzes den Aufschlag abnahm, fühlte ich, dass ich nahe dran bin.

Spürt man in einem solchen Moment auch die Gefühlslage des Gegners?

Als mir im zweiten Satz das Break gelungen war, fühlte ich, dass er beim Service unsicher wird. Dennoch musste ich natürlich bis zum Schluss konzentriert bleiben, damit mir der nahe Erfolg nicht doch noch entglitt. Deshalb war ich froh, als es nach dem dritten Satz schon zu Ende war.

Zuerst America’s Cup, jetzt Wimbledon, was ist vom Schweizer Sport als Nächstes zu erwarten?

Dem Schweizer Sport gehts meiner Meinung nach ganz gut. Was kommen wird, weiss ich nicht. Aber es ist wahr, irgendwann nachdem ich mit zwei Sätzen geführt hatte, dachte ich an Alinghi und habe mir gesagt: Mach es gleich, fahre davon und nimm es.

Und wie feiern Sie diesen Triumph nun?

Es sind viele Freunde und Bekannte hierher gekommen, die Mutter und die Schwester sind da. Mit ihnen will ich feiern. Und natürlich gehe ich zum offiziellen Dinner der Champions. Da wollte ich schon lange unbedingt hin. Als ich vor fünf Jahren nach dem Junioren-Titel hätte hingehen können, haben mein damaliger Coach Peter Carter und ich entschieden, nicht hinzugehen. Ich wollte mich gut auf das Turnier in Gstaad vorbereiten, wo ich meine erste WildCard bekommen habe.

Peter Carter ist im vergangenen Sommer bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Widmen Sie ihm den Wimbledon-Titel?

Natürlich. Ich hoffe, er hat den Sieg von irgendwoher gesehen. Das wäre ein Traum. Ich kann meinen Erfolg nicht nur einer Person widmen. Ich danke allen, die mir in meiner Karriere geholfen haben. Meinem Coach, meinen Freunden, meinen Masseuren. Ich danke allen, die in einer gewissen Weise an meiner Karriere beteiligt sind. Ihnen wurde mit diesem Wimbledon-Titel etwas zurückgegeben. Aber letzten Endes ist es auch mein Erfolg, und ich werde ihn sehr geniessen. Aufzeichnung stw/BC
 
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